Mittwoch, 21. Juni 2006

Entfremdung

Der erste vorläufige Eintritt ins Arbeitsleben fand im Sommer vor dem Abitur statt, mit dem Rad Post austragen für den lokalen Tennisclub oder Erdbeeren ernten nicht gerechnet. Der Führerschein musste verdient werden und meine Mutter saß in einer Personalabteilung.

Der Job bestand darin, einen Monat lang Löcher in halbquadratmetergroße braune Folien zu stanzen. Zwei Tage zum Üben, dann im Akkord. Die Löcher waren vorgedruckt, auch abstrakte Linien, parallel gerade, dann ein Strang sich teilend und in verschiedene Richtungen verwindend. Die Folien waren kratzempfindlich, deshalb trugen wir flusenfreie Kittel über unserer Kleidung und weiße Baumwollhandschuhe. Ich hatte Folie für Folie unter die Stanze zu schieben, vor der ich saß, bis ein Lichtkegel von unten ein vorgedrucktes Loch erfasste. Hände zur Seite, Gummifüße senkten sich herab und feinjustierten die Markierung, die Loch werden sollte, mikrometergenau unter die Stanze. Gleichzeitig mit Rechts und Links Knöpfe drücken, wegen der Sicherheit, das Not-Aus wäre mit dem Knie zu erreichen, rumms, Loch drin, Folie weiterschieben, justieren lassen, stanzen, so zwanzig Löcher jede Folie, dann in den Ablagekorb rechts, Zähler drücken, von Hand, zur eigenen Orientierung wegen des Akkords, richtig nachgezählt wurde später von der Qualitätskontrolle. Nächste Folie von links auflegen, justieren, rumms.
Die Tage waren lang und heiß, Kittelpflicht, die Maschinen strahlten zusätzliche Hitze ab, ein Radio lief, aber die Maschinen waren viel zu laut, Unterhaltung nicht möglich. Vor sich hin stanzen, sinnlose Gedanken wälzen, und Kopfrechnen. Blick auf den Zähler, Blick auf die Uhr, wie lange noch, wie viele bisher im Schnitt, wie viele noch vor der Pause, bin gut in der Zeit, heute schaff ich mindestens zehn über den Akkord, vielleicht zwanzig.

Als Beinaheschonabiturientin war ich einerseits geistig unterfordert beim Stanzen, erkannte andererseits den Kontakt zu dieser fremden sozialen Schicht als wertvoll und versprach mir vor meinen Silberlöffel-lutschenden Schulkameraden, darunter ein Sohn des Firmeninhabers, einen Vorsprung an Lebenserfahrung. Vorsprung an Lebenserfahrung gegenüber anderen Achzehnjährigen ist durch nichts aufzuwiegen.
Die Arbeiterklasse war überraschend nett zu mir. Sie unterschieden sich weniger als erwartet von den Menschen, die ich kannte. Sie grüßten stets („Mahlzeit“), sagten „bitte“ und „danke“, und Witze, über die ich lachen konnte, wurden auch gemacht.
Es gab eine sehr nette, gleichaltrige türkische Kollegin, die schon zwei Jahre dort arbeitete, entsetzliche Vorstellung, dachte ich. Abgearbeitete, graue, freundliche ältere Frauen. Eine patente Steffi, die oft mit den Männern in der angrenzenden Werkshalle flirtete und später Vorarbeiterin wurde. Einen Kemal, der in der Mittagspause für alle Döner holen ging aus dem „Restaurant“ seines Bruders in der Nähe des Werkes. Das waren meine ersten Döner.

Ich freundete mich mit Feli an, die als Au-pair-Mädchen in Paris vom Familienvater belästigt und von der Dame des Hauses davongejagt worden war, noch nicht mal ihre Sachen hatte sie packen können. Die hatte Lebenserfahrung! Sie studierte auch schon, Philosophie, und betrieb in den Ferien in der Fabrik ihre eigenen Sozialstudien.
Ich hatte gedacht, so war es mir von Autoritätspersonen vermittelt worden, man müsse zur Strafe in die Fabrik, wenn man vorher nichts gelernt hat.
Feli aber erklärte mir, während wir in der Mittagspause mit unseren Dönern - sie hatte immer vegetarisch - draußen in der Sonne saßen, diese Tätigkeit verdumme umgekehrt die Menschen und verhindere ihren sozialen Aufstieg. Die stupiden Wiederholungen, der Lärm, die Kopfschmerzen, die jeder normale Mensch davon bekomme, fehlende Identifikation mit dem Produkt, der fehlende geistige Austausch...zerstöre das Entwicklungspotential einer ganzen sozialen Klasse.
Ich verschwieg beschämt, dass ich keine Kopfschmerzen hatte, konnte aber bestätigen, dass ich nicht ein einziges Mal im Theater war die zwei Wochen, die ich hier arbeitete. Volkshochschule – äh nein, auch nicht.
Siehst du! sagte Feli. Ich gab zu bedenken, dass keiner der Kollegen unglücklich schien, sie verdienten nicht schlecht, sie hatten Spaß. Sie denken nur, sie sind zufrieden, sagte Feli, weil sie nichts anderes kennen. Das System hält sie dumm.

Die Lochmarkierungen und Linien auf den Folien hatten keine Bedeutung für mich, ebenso wenig der Begriff Flexible Leiterplatten. Man hatte mir zu Beginn ein fertiges Produkt gezeigt – in die Löcher, die ich stanzte, wurden später Mikrobauteile gesteckt und gelötet und das ganze noch mal eingeschweißt, aber wozu das gut war – keine Ahnung; ich besuchte ein altsprachliches Gymnasium, Wahlfächer antike Philosophie und Spanisch.
Es gab einen Grundlohn, eine Zulage für das Erreichen des Akkordes und eine Prämie für das Überschreiten des Akkordes um eine bestimmte Stückzahl.
Ich fing an, mir die Lichtdurchlässigkeit der Folien zunutze zu machen und ab und zu zwei Folien, kantengenau übereinandergelegt, zu stanzen. Nur so viel höhere Stückzahlen, wie ich sie auch durch besondere Geschicklichkeit vielleicht hätte erzielen können. Dabei war der Akkord gut zu erreichen, ich wollte einfach schlauer leichter schneller sein, und rechnete beim Stanzen gleich die Verdienststeigerung im Kopf mit aus.
Schon nach wenigen Tagen wurde ich in die Qualitätskontrolle gerufen. Auf einem Haufen lagen erhebliche Stückzahlen Ausschuss, den ich produziert hatte. Es war ein erniedrigender Moment, den ich, völlig überrascht und beschämt, mit sehr dummen Ausflüchten nicht ansatzweise retten konnte: Kann ich mir nicht erklären, vielleicht mal versehentlich zwei Folien erwischt, die kleben schon mal zusammen, oder die Optik der Maschine ist vielleicht nicht richtig eingestellt?
Augenscheinlich hatte der Lichtkegel trotz Transparenz nur die Markierung der unteren Folien erfasst, die oberen wurden gelocht, ohne richtig justiert zu sein.
Aus irgendeinem Grund wurde ich nicht gefeuert.

Grundkurs Geschichte im folgenden Schuljahr, Industrielle Revolution. Marx, Entfremdung, Taylorismus - alles schon selbst erlebt. Lebenserfahrung.

Tagesdosis

Das Radio ist klasse. Alte...
Das Radio ist klasse. Alte Amischlitten gammeln nicht...
nachtschwester - 9. Okt, 21:24
Für den kleineren...
...und die kleinere Wohnung tut's vielleicht auch das...
zonebattler - 8. Okt, 22:34
Wahrscheinlich ein 1960ziger,...
Wahrscheinlich ein 1960ziger, wenn man dieser Seite...
HiG - 8. Okt, 00:26
@ giardino: Stimmt, mit...
@ giardino: Stimmt, mit schiefem Grinsen. @ Wilder...
nachtschwester - 8. Okt, 00:16
Das ist ein Pontiac,...
Das ist ein Pontiac, jedenfalls laut meiner Internet-Recherche....
WilderKaiser - 8. Okt, 00:05
Der Pontiac Catalina....
Der Pontiac Catalina. Ein amerikanischer Patient verriet...
HiG - 7. Okt, 23:56
Oben jedenfalls ist ein...
Oben jedenfalls ist ein Herr mit schicker, roter Brille...
giardino - 7. Okt, 23:56
Die Mission
Der Vater einer geschätzten Mitarbeiterin verstarb...
nachtschwester - 7. Okt, 23:37

Verordnungen

Allgemeinzustand

Du bist nicht angemeldet.
Counter

Status

Online seit 947 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 9. Okt, 21:24
twoday.net

Locations of visitors to this page



Suche

 

Anamnese
C2-Abusus
Ergotherapie
Externe Einsätze
Fallstudien
Häusliches Umfeld
Intensivstation
Kontraindikation
Krankheitsbilder
Kuraufenthalte
Teambesprechung
Verlorengegangene Personen
Zufallsbefunde
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren