Dienstag, 22. April 2008

Die Kluft

Ein Angehöriger eines kleinen nationalen KFOR-Kontingents fiel beim Joggen tot um, wurde primär erfolgreich reanimiert, in Prizren vom Sanitaetsdienst der Bundeswehr grundversorgt und über die Grenze zu uns geflogen. Ein halbes Dutzend einheimischer Mitarbeiter berichteten mir heute morgen ungläubig und mit strahlenden Augen, wie der Patient am Wochenende angeliefert wurde: Mit Tubus! Mit Oxylog, und in der Flasche war GENUG SAUERSTOFF! Mit Arterie! Mit ZVK! mit kompletter Dokumentation! samt CT-Befunden von Schädel und Thorax! Mit Labor! Sowas hat man hier noch nie gesehen!
Pfff, na und, normal, was dachtet ihr denn, kriegt euch wieder ein, dachte ich.

Samstag, 19. April 2008

Vorgezeichnet

Die Intensivschwesterchen hier, grazil und zerbrechlich wie Kätzchen, mit ihren dunklen Pferdeschwänzen und großen Augen, intelligent und wohlerzogen und bescheiden und freundlich und fleißig, und bevor sie mich anprechen, wenn sie mich ansprechen, immer eine Entschuldigung dafür, dass sie mich ansprechen, stellen nie ärztliche Anordnungen in Frage, egal, wie absurd, nennen ihre Patienten Onkelchen und Tantchen und duzen sie, da kann ich professionelle Distanz predigen, so viel ich will und gebe es schon auf, denn sie sind so süß dabei. Sie wohnen in ihren Kinderzimmern bis zur Hochzeit, dann ziehen sie zu den Schwiegereltern ins Kinderzimmer des Mannes, und wenn sich eine verlobt, muss ich schon Ersatz planen, denn die Schwangerschaft folgt immer pünktlich. Dann sind sie 22. Und wenn eine mit 25 nicht unter der Haube ist, stürzt die Verwandschaft in tiefe Sorge. Sie haben Väter und Onkel und Männer, die sich um alles kümmern - den Reifenwechsel, den Handyvertrag, den Urlaub buchen. Sie sind so fremd.

Donnerstag, 3. April 2008

...

Ich glaube, die Erfindung und flächendeckende Verbreitung der selbstklebenden Briefmarke wurde noch nicht ausreichend gewürdigt. Hiermit aber. Danke.

Dienstag, 1. April 2008

Lieber Rudi...

... als Sie auf dieser Seite meine Mailadresse gesucht und gefunden haben, konnten Sie weiter unten das Alter dieses Blogs ablesen: ehrwürdige 753 Tage online. Was Sie nicht davon abhielt, mir als "Abonnentin" ungebeten einen "Newsletter" Ihrer zahlreichen Webseiten in die Mailbox zu spammen, die mir endlich das Web 2,0 erklären sollen. Es ist nie zu spät, haben Sie sich wohl gedacht.

"Kommen Sie mit auf Entdeckungsreise durch die Weiten des World Wide Web. Sie erfahren hier Interessantes, Nützliches und Wissenswertes über Blogs und Bloggen - die Publikationsform des digitalen Zeitalters, über Blogreader und Blogwriter, über Wikis und CMS, über RSS und Feedreader, über Software und Freeware, über Mann und Frau, über Sex und Erotik, über Ehe und Trennung, über Liebe und Eifersucht, über Gesundheit und Krankheit, über Psychologie und Psychotherapie und über vieles vieles andere mehr."

Danke, aber angesichts bedauernswerter "Gestern 18, heute 35 Besucher" und zahlreicher ungenutzter "Werbeflächen" bei Ihnen drüben (leider kann ich Sie nicht guten Gewissens verlinken) lassen sie mich Ihnen erklären: Bloß mit Contentklau aus dem ollen Zitatelexikon und dem Web, von Pseudopsychoplatitüden über Tibet-Mönche bis nackte Teenies, ohne erkennbaren inhaltlichen Schwerpunkt außer der dringlichen unterschwelligen Message "Rudi will Geld verdienen", können keine Werbemillionen fließen. Wobei ich mich da nicht mitreden kann, bin ja werbefrei und poste bloß eigenen Content. Ihre Technorati-Authority von immerhin 4 bis 9 generieren Sie durch Verlinken Ihrer eigenen Seiten untereinander. Ihr dilettantisches Bemühen ist rührend und erinnert mich an diesen armen Legastheniker, der vor einer Weile Miss Manierlich vor die Flinte lief.

Was fällt Ihnen ein, sich erst bis zu meiner Mailadresse durchzuklicken, und mich danach immer noch als Zielgruppenmaterial einzustufen? Erbärmlich, für einen angeblichen Psychologen. Möge ihr Goldkettchen rosten und der Schnauzer ersatzlos ausfallen. Schmieren Sie sich Ihren Spam ins Haar und lassen Sie sich hier nie wieder blicken.

Mittwoch, 26. März 2008

Ursprüngliches

Während man in Westeuropa in zentral beheizten Wohnküchen kommod Hefestuten frühstückte und danach Ostereier suchte, habe ich letztes Wochende die allerarchaischsten Erfahrungen gemacht, die man als Großstädterin der ersten Welt nur machen kann.

Freitag nach der Arbeit drei Stunden entlang immer kurvigerer, schmalerer und schlechterer Straßen, die immer öfter erst von Gestein freigeräumt werden mussten, das rechts und links von ungesicherten Steilhängen herunterlawinte, durch immer schwärzere Dunkelheit nach ein paar Erbrechensstops im Haus der Großmutter meiner Freundin V. angekommen. In einem Geisterdorf an einem Hang auf 1200 Meter Höhe, umgeben von doppelt so hohen Bergen. Nur im Sommer kommen die Erben der früheren Bewohner noch als Sommerfrischler her.

Schloss, Sicherungen, Gas- und Wasserhahn konnten in surrealer Nachtschwärze mithilfe von leuchtenden Smartphonedisplays gefunden werden. Danach gelang es auch, die einzige Heizgelegenheit des Hauses, einen alten Küchenherd, mit Holz zu befeuern und Tee aus Kräutern zu kochen, die V.s Großmutter im Sommer selbst gesammelt hatte. Vanja Lazarova sang aus dem Laptop, irgendwas Hausgebranntes war auch da und erfüllte zusammen mit der speziellen Romantik der Szene wärmend meine Brust,

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bis ich gegen zwei unter drei Decken vor Kälte schlotternd aufwachte. Draußen pfiff Wind und heulten Hunde oder Wölfe oder Bären, und aus dem Fenster sah ich nur schwarz. Mit weiteren Socken, Pullis und Mütze wieder hingelegt.
Morgens in Erwartung heißen Kaffees auf dem Herd und warmen Wassers im Boiler mein Bett trotz ungünstiger Umgebungstemperatur verlassen, um zunächst durchs Fenster zu knipsen

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... und danach V. schlotternd und rauchend in der verqualmten Küche vorzufinden, strähnigen Haars und mit vielen Pullis ihres Mannes M. behangen, bar jeder Hauptstadteleganz, auf dem Boden um sie herum Asche, Streichhölzer, Zeitungspapier und Holz. "Ich krieg seit zwei Stunden Herd nicht an", wimmerte sie. "er raucht nur, von draußen bläst es in den Abzug. Strom haben wir auch keinen und M. ist früh in die Berge und hat kein Netz." Nach einem weiteren Zündversuch musste ich die Haustür öffnen, um das Kohlenmonoxid hinauszulassen. Vor dem Gartentürchen lag in eisigem Wind behaglich zusammengerollt ein Dorfköter und lächelte mich mitleidig an.

Wir kochten Zahnputzwasser und Kaffee mit Gas. M, der schließlich inadäquat euphorisch vom Berg zurückkam, schaffte es, den Herd anzufachen und ödete mich den Rest des Wochenendes mit Triumphbezeugungen an, das schwache Geschlecht, ohne den Mann verloren, obwohl es doch entwicklungsgeschichtlich schon immer für den Herd verantwortlich war. Na und, du hast auch keinen toten Hirsch auf den Schultern mit nach Hause gebracht, obwohl du entwicklungsgeschichtlich schon immer.... Geh doch nach Deutschland und heirate die Herman. Wenn du ein Visum kriegst, haha, und mit dem Herd kommt die auch nicht weiter.

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Der Sonntag zeigte sich freundlicher, schmolz den Schnee und ermöglichte ein Frühstück im Freien. Der Dorfköter, wir nannten ihn Buto, freute sich sehr über Käsebrot mit Mayo und begleitete uns überall hin. Ein schönes Tier, das dem unermüdlichen Einsatz zum Schutz hilfloser Großstädter gegen wilde Tiere und albanische Waffenschieber bereits sein rechtes Ohr geopfert hat.

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Dass Buto lebt, allein, im Winter im Freien, mit glänzendem Fell und keineswegs mager, wo wir kaum in einem Haus zurechtkommen, das noch die vorletzte Generation für perfekt eingerichtet hielt, macht mich sehr nachdenklich.

Mittwoch, 12. März 2008

Sex, Lügen und Video

(Edit: Hören Sie zur Illustration das hier in einem Hintergrund-Tab, während Sie den folgenden Text lesen.)

P., der Anaesthesiechef, redet nicht mehr mit mir, nachdem wir fünf Jahre lang ein herzliches Verhältnis hatten. Er ist sauer, weil er nun mit Z., einer ausgezeichneten Intensivschwester, zusammenarbeiten muss, seit der Boss und ich Personalrotationen beschlossen haben, um die Kommunikation zu verbessern.

P. mag Z. nicht, und daran ist N. schuld, die pflegerische Leitung der Intensivstation. N. hat früher die Anaesthesie geleitet, bis ein Geschlechtsakt mit P. an einem unbedacht gewählten Ort in den Räumlichkeiten unserer Klinik von einer Überwachungskamera aufgezeichnet wurde. Solches Verhalten zweier verheirateter Mitarbeiter ist in diesem Kulturkreis nicht zu dulden, sodass sich der Boss gehalten fühlte, zunaechst N. auf die Intensivstation zu versetzen und einige Wochen später P. zu feuern, nachdem dieser auch noch wiederholt Pausenbrote von Pflege- und Reinigungspersonal gestohlen und verzehrt hatte. Es gab Videobänder, auf welchen wütende hungrige Putzfrauen ihre Backwaren einwandfrei identifizierten, bevor sie in P.s Schlund verschwanden.

Während N. auf der Intensivstation bald zur Leitung aufstieg, nachdem der Boss ihre Vorgängerin gefeuert hatte, der Anlass ist mir entfallen, versuchte P., seinen drei Söhnen das Studium weiter zu finanzieren, indem er in einer Massagepraxis Akupunktur praktizierte. Das scheiterte daran, dass sich mehrere Klientinnen über sexuelle Übergriffe beklagten. Nach nur sechs Monaten klopfte er wieder an die Bürotür des Boss. Der hatte zufällig gerade zwei Anaesthesisten gefeuert und stellte den zerknirschten P. nach einer Moralpredigt und mit der Auflage, sich von N. fernzuhalten, wieder ein.

Vor einem Jahr wurde der Boss erneut mit einem Sexvideo konfrontiert, aufgenommen früh morgens eine Stunde vor Dienstbeginn in einem Kellerraum des Gebäudes, in dem unsere Klinik einige Stockwerke gemietet hat. Ob es sich bei den beiden Personen um Mitarbeiter unserer Organisation handelte, fragte der Sicherheitsdienst. Der Boss erkannte zweifelsfrei N. und P.
P. war zu diesem Zeitpunkt nicht feuerbar, weil er mitten in seiner für die Klinik prestigeträchtigen Habilitation steckte, und auch Intensivschwestern waren gerade knapp, so blieb es bei einer Standpauke für die beiden und einer Gehaltskürzung. Was bringt zwei Menschen mittleren Alters dazu, morgens um vier aufzustehen statt um fünf, um in einem dreckigen Keller einen Quickie hinzulegen, bevor man sich ungeduscht zu einem Zehnstundentag in einen OP begibt?

N., die P. gut genug kennt, zu wissen, dass er alles bespringt, was ihn lässt, ist mit der physischen Nähe von Z. zu P., in welcher sich Z. nun für drei Monate befindet, nicht einverstanden und macht Z. und P. das Leben schwer. Und ich muss mir Z.s Klagen über N.s Mobbing und P.s Unfreundlichkeiten anhören, während mich P. schneidet und mir N. jeden Tag die ehrenwerte Matrone vorspielt.

Montag, 10. März 2008

Zwei!

Zwei! Fast hätte ich´s vergessen, die Nachtschwester ist heute tatsächlich zwei Jahre alt geworden. Sie bloggt nun nicht mehr nachts, weil sie da schläft, weil sie bloß noch am Tag arbeitet und auch nicht mehr als Schwester, aber dafür umso mehr und dafür wiederum bloggt sie weniger.

Alles, was es sonst dazu zu sagen gibt, habe ich letztes Jahr schon gesagt. Die Frage nach dem Belang hat sich inzwischen geklärt, dieses Blog ist total belanglos, aber das stört mich nicht mehr. Immerhin hat es mich schon im zweiten Jahr seines Bestehens nach Chicago gebracht.

Den Gelegenheits-, Gewohnheits- oder auch Garnichtmehrlesern ein Prosit auf die nächsten zwei.

Samstag, 8. März 2008

Birdcontent

Heute hielt der Frühling in Gestalt eines bunten Vögelchens Einzug in meine Hamburger Wohnung, die zu erreichen mich letztes Wochenende auch die wilde Emma nicht abhalten konnte. Es gelang mir, es einzufangen und fürsorglich durch die Balkontür zu werfen. Es war ganz erstaunlich warm in der Hand.

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Bei dem possierlichen Tierchen auf den Bildern handelt es sich um ein Gimpelmännchen, auch Dompfaff genannt. Der Gimpel schmeckt Italienern gut, darüber hinaus besitzt er zahlreiche weitere sympathische Eigenschaften. Besonders im Paarungs- und Beziehungsverhalten finden sich liebenswerte Parallelen zum Homo sapiens. "Während das Weibchen das Nest baut, wird es vom Männchen begleitet, das ab und zu einen Halm in den Schnabel nimmt und nach kurzer Zeit fallen lässt." (Wunderbarer Wikipedia-Eintrag, der mich zunächst an Loriots legendären Steinlaus-Artikel im Pschyrembel erinnerte.)

Und weil ich die Kamera eh schon in der Hand hielt, gibt´s hier noch Vasentulpen als Blumengruß zum Restwochenende, das ich wieder auf dem Balkan verbringen werde.

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Tagesdosis

Nein, Infarkt. Sport...
Nein, Infarkt. Sport ist Mord. (Wenn man als Raucher...
nachtschwester - 6. Mai, 08:12
Ok
Aber warum ist er beim Joggen umgekippt? N Steckschuß...
404 - 5. Mai, 22:09
Sicher. Es ist auch ein...
Sicher. Es ist auch ein Leichtes, die Autorin von "Feuchtgebiete"...
nachtschwester - 28. Apr, 16:24
mutige Unterhaltung
Sehr unterhaltsam! Jetzt weiss ich, warum ich seit...
bh (anonym) - 25. Apr, 11:09
Na, das klingt ja alles...
Na, das klingt ja alles wenig erheiternd. Also lieber...
creezy (anonym) - 24. Apr, 20:06
Im Hinblick auf das Überleben...
Frau Nachtschwester, ich denke, beides ist richtig...
HiG - 24. Apr, 15:06
Der gute, alte Oxylog...
Der gute, alte Oxylog mal wieder...
WilderKaiser - 24. Apr, 11:47
Nicht ganz einverstanden:...
Nicht ganz einverstanden: Primaerer Reanimationserfolg...
nachtschwester - 24. Apr, 11:42

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