Samstag, 28. Januar 2012
Mittwoch, 25. Januar 2012
Wo man singt, da lass dich nieder
Bester Kommentar dazu auf YouTube: they are just angry no girls turned up to their facebook event
Böse Menschen singen keine Lieder.
Donnerstag, 19. Januar 2012
Wässerchens
Wässerchens ist jedenfalls der unterhaltsamste Feiertag von allen. Man begeht volksfestartig die Taufe Christi. Zuschauer versammeln sich dabei am Ufer des Gewässers, an dem ihre Gemeinde liegt - Molwanien ist reich an Bergseen - und ihr jeweils ranghöchster Priester wirft unter lithurgischem Brimborium ein Holzkreuz ins Wasser. Junge Männer schwimmen um die Wette hinterher und fischen es heraus. Etwa so, wie wenn Sie Ihrem Labrador beim Spaziergang ein Stöckchen in die Elbe werfen, aber mit bis zu tausend Labradoren, und nur einem Stöckchen.
Wir befinden uns in einem Gebirgsstaat im Januar. In der zweitgrößten Stadt wurden gestern -25 Grad gemessen. Da ist 2 oder 3 Grad kaltes Wasser schön warm. Je nach Größe des Gewässers und der anliegenden Stadt verfolgen bis zu zwanzigtausend Zuschauer das Schauspiel. Sie werden von örtlichen Gaststätten kostenlos mit heißem Schnaps versorgt, was maßgeblich zur Beliebtheit des Festes beiträgt. Im Publikum geht ein Geldtopf herum. Der Schwimmer, der das Kreuz ergattert, gewinnt das gesammelte Geld und wird ein gesegnetes Jahr haben. Das Kreuz wird danach versteigert, der Erlös geht an ein wohltätiges Projekt. Nach 40 Tagen muss der Käufer das Kreuz an die Kirche zurückgeben und erhält dafür wiederum einen besonderen Segen. Das Schöne daran ist, irgendwie gewinnen alle.
Die Veranstaltungen verliefen heute landesweit ohne Zwischenfälle, nachdem es letztes Jahr in einer südmolwanischen Stadt zu einer unchristlichen Rauferei zweier Schwimmer um das Kreuz gekommen war, die zum Beinaheertrinken eines Kontrahenten geführt hatte, ein Skandal. Der andere hatte mit dem Kreuz auf ihn eingeschlagen.

Mittwoch, 18. Januar 2012
Das zerbrochene Mädchen (Fortsetzung 1)
Wie eliminiert man einen Superbug, gegen den es auf der Welt kein Antibiotikum gibt, aus dem Kreislauf eines septischen Patienten? Indem man um die Ecke denkt und mithilfe eines anderen Bakterienstamms.
Das Mädchen hatte in ihren Blutkulturen und Wundabstrichen drei verschiedene multiresistente Bakterienstämme: Keim A resistent gegen alle Antibiotika außer einem, Keim B resistent gegen alle Antibiotika außer einem anderen, und Keim C war der omniresistente Superbug. Keim A wurde nun einige Tage lang mit dem einzigen Antibiotikum beschossen, auf das er eingeschränkt sensibel war, in der Hoffnung, die Supression von A würde zur massenhaften Vermehrung von Keim B führen, und dieser dadurch Keim C aus seiner ökologischen Nische verdrängen.
Danach erhielt das Mädchen das Antibiotikum, auf das Keim B sensibel war. Die Rechnung ging auf, nach einigen Tagen war B nicht mehr nachweisbar, und C tatsächlich auch nicht! Das hätte genauso gut schief gehen können, die Supression von A hätte auch zur Vermehrung von C führen können, gegen den es kein MIttel gibt, aber es gab keine andere Option.
Die Temperatur fiel, die Nieren liefen, die Wundreinigung ging voran, die Gerinnung kam ins Lot, die inneren Blutungen ins Becken hörten auf, und das Mädchen wurde langsam wach. Das war mit Schmerzen, Panikattacken und Heulkrämpfen verbunden. In dieser Phase sah sie an sich herunter, das Gesicht voller Entsetzen, rüttelte mit den Händen an den Metallstäben in ihren Beckenknochen, geschüttelt von stimmlosem Schluchzen. An weinende Patienten mit künstlichem Atemweg gewöhne ich mich nie.
Das größte Drama war aber erstaunlicherweise die Haarpflege. Das Mädchen hat Haare bis zur Taille. Allein sie morgens auszukämmen oder gar im Bett zu waschen, beschäftigte meine Intensivschwestern über eine halbe Stunde lang. Nur die Haare. Dabei weinte und wehrte sie sich. Ich bat ihre Mutter und Schwester um die Erlaubnis, die Haare etwas zu kürzen, 15 cm weniger hätten uns schon sehr geholfen. Hysterie und Ensetzen. Dabei wollten wir damit doch nur besser pflegen, nachdem das Mädchen wohlweislich dreivierteltot aus einem Haus zu uns gebracht worden war, in dem niemand an waschen oder kämmen auch nur dachte! Ich ging mit wachsendem Ärger über das hohle Püppi und ihre Familie, die alle um nichts anderes als die Schönheit der Jüngsten kreiste, zu unserer Psychologin. Vor zwei Wochen war sie beinahe tot, ein Dutzend sehr ernster medizinischer Probleme bestehen weiterhin, aber Hauptsache, sie hat die Haare schön? Was ist das für ein leeres Leben, schimpfte ich; was machen sie, wenn ihnen aufgeht, dass sie nie wieder über einen Laufsteg stöckeln wird? Und die Psychologin sagte kluge Dinge über anderer Leute Wertehierarchien, die ich akzeptieren müsse, ohne sie zu teilen, und dass angesichts der Unfassbarkeiten der Situation die Beteiligten in ihrer medizinisch laienhaften Hilfslosigkeit nur versuchten, über irgendeinen Aspekt die Kontrolle zu behalten, und sie haben sich eben auf die Haare fixiert, lass sie.
Es gab noch ein anderes Problem aus dem Formenkreis des Model-Klischees: die Nahrungsaufnahme. Das Mädchen weigerte sich, zu essen, und wehrte sich auch gegen die enterale Ernährung über das Gastrostoma. Schwestern beobachteten, dass sie nach Nahrungsgabe Erbrechen provozierte, wenn glaubte, sie sei allein im Zimmer. Sie war schon schlank, als sie nach der Sepsis abgeschwollen war, und die Katabolie und der Gewichtsverlust in den folgenden Wochen waren unübersehbar. Sodass wir dem Mädchen nachts Dormicum spritzten, und während sie schlief, unbemerkt hyperkalorische Sondennahrung im Bolus ins Gastrostoma laufen ließen.
Für solchen Psychokram habe ich keine Nerven. Ich zog mich von ihr zurück und flog sowieso bald nach Deutschland.
Dienstag, 17. Januar 2012
Das zerbrochene Mädchen
Und ich weiß nicht, wo sie das hernimmt, ihre Unzerstörbarkeit, noch nie habe ich jemanden von solcher inneren Schönheit kennengelernt.
Montag, 9. Januar 2012
Tagesmeldungen
Ich lese beim Mittagessen molwanische Tageszeitungen, die in der Personalküche ausliegen. Kein Tag, an dem ich nicht laut lachen muss über die ewige Satire, die keine ist.
Sie erkennen in dem Ausschnitt, den ich mit dem Handy fotografiert habe, trotz der schlechten Qualität einen Pferdekarren, der im Stadtzentrum vor einer Bank geparkt ist. Das Pferd frisst an einem Heuhaufen, während der Besitzer offenbar seine Geschäfte tätigt. Das andere Bild zeigt einen Mann, der einen Lastesel durch ein urbanes Wohngebiet führt, im Hintergrund sieht man die typischen Plattenbauten. Das ist Alltag im Lutenblager Straßenbild, aber die Schlagzeile schreit: LUTENBLAG IST KEIN DORF!!! Und der Autor erregt sich: Die Karren sind eine Schande für unsere METROPOLE! Wann werden sie endlich in die Provinz verbannt, wo sie hingehören?!
Samstag, 7. Januar 2012
Feste feiern, wie sie fallen
Dieses Jahr zum vorerst letzten Mal zweimal Weihnachten, am 24.12. in Deutschland und dieses Wochenende nach dem julianischen Kalender in Molwanien. Das alte Fest verkitscht seit der Marktöffnung nach Westen, es gibt immer mehr Tannenbäume und Glitzerkugeln und Schokoweihnachtsmänner, wo eigentlich Gebinde aus trockenem Eichenlaub hingehören. Aber noch verblassen daneben die eigentlichen Traditionen nicht.
Vorgestern, am Abend vor Heiligabend, feierten die Leute das bevorstehende Ende der Fastenzeit in halbspontanen Straßenfesten überall in der Stadt. Nachbarn schichten jedes Jahr Brennholz zu Scheiterhaufen, versammeln sich am Feuer,trinken heißen Schnaps aus Kesseln und feuern die an Silvester übriggebliebenen Knaller ab. Blaskapellen und Trommler ziehen von Feuer zu Feuer durch die Stadtviertel, und es dauert nicht lange, bis ganze Nachbarschaften in tiefer Nacht und beißender Kälte um die Feuer Hora tanzen. Rauch und Blasmusik hängen über Lutenblag. Genehmigung, Brandschutzvorschriften, Ordnungsamt? Natürlich nicht. Polizisten steigen aus ihren Autos, nehmen gern einen Schnaps an oder zwei, tanzen eine Runde mit und fahren weiter.
Heilig Abend schneiden die Popen ein Kreuz in das große runde Weihnachtsbrot aus süßem Hefeteig und tränken den Schnitt mit Wein, bevor sie es segnen, brechen und an die Gemeinde verteilen. Familien brechen zu Hause das Weihnachtsbrot, und wer das eingebackene Geldstück erwischt, wird ein glückliches Jahr haben. Zu Abend gibt es fleischlose Krautwickel, Blätterteigrollen mit Spinat, Fisch und hinterher gebackenen Kürbis mit Honig und Walnüssen.
Erst heute, am ersten Weihnachtsfeiertag, wird wieder ordentlich Fleisch gegrillt, wie sich das für den Balkan gehört. Die meisten Molwanier, die ich kenne, alt und jung, fasten tatsächlich 40 Tage lang vor Weihnachten und Ostern. Fasten sei gesund für Leib und Seele, ist allgemeiner Konsens. Die Regeln sind kompliziert. Tierische Lebensmittel sind verboten, dabei ist Fisch erlaubt, Eier nicht, Milchprodukte nur an bestimmten Wochentagen. Alkohol und Zigaretten nicht. Wichtiger, als das Richtige zu essen, ist aber, sein Verhalten zu mäßigen. Nicht aufbrausen, sich nicht streiten, mehr auf andere achten, insgesamt stiller leben.
Und nächstes Wochenende feiern sie nach Neujahr und Weihnachten nochmal Neujahr, nach dem julianischen Kalender.
Dienstag, 29. November 2011
Außerdem...
war ich nach dem Spiegel-Frühstück ins Westgebirge gefahren, die alte Landstraße durch die Schlucht, von der Schotterpisten in kleiner Querschluchten führen, die in Trampelpfade münden, die zu alten Klostern führen. Die dramatische Rohheit der Landschaften, die Einsamkeit, und sich dabei unbefangen und sicher fühlen, weil man gelernt hat, die Bären winterschlafen schon, und die unrasierten dunklen Menschen, die einem mit Gewehr über der Schulter, wenn überhaupt, begegnen, wollen einem nur freundlich den Weg erklären, den frisch geschossenen Hasen zeigen und ihren mitgeführten Schnaps mit einem teilen.

