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Montag, 4. Januar 2010

Rückblick, machen alle

Zugenommen oder abgenommen? Minus 5 kg. Indem ich begonnen habe, Fett zu essen. Ghrelin und so.
Haare länger oder kürzer? Gleich lang, aber nicht mehr Honig, sondern Schokolade. Macht mich jünger, sagt man mir.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? kurzsichtig wie immer, nicht weiter nachgeprüft.
Mehr Kohle oder weniger? Geringfügig mehr.
Mehr ausgegeben oder weniger? Gleichviel.
Der hirnrissigste Plan? Qualitätsmanagement in einem öffentlichen 1000-Betten-Haus in Islamabad. Ich weiß.
Die gefährlichste Unternehmung? Ich tue eigentlich jeden Tag Dinge, die Menschen in Deutschland für gefährlich hielten, und fühle mich sicher. Allein durch diese Gebirge hier reisen. In einem Nicht-Rechtstaat mit lückenhaftem Versicherungsschutz für einen impulsiv und irrational entscheidenden Boss arbeiten, dem es jeden Moment einfallen könnte, mich zu feuern.
Mehr Sport oder weniger? Von null auf viermal die Woche.
Der beste Sex? illegitim.
Die teuerste Anschaffung? Ein Versuch in Nachhaltigkeit. Beschlossen, das Pferdchen noch mal zehn Jahre zu behalten und die Karosserie in Hamburg komplett aufarbeiten lassen. Nach 6 Monaten Balkan war es wieder so verbeult und zerkratzt wie vorher.
Das leckerste Essen? Hier, unter anderem.
Das beeindruckenste Buch? Der gute Deutsche von Nanking.
Der ergreifendste Film? War wenig im Kino und wenn, ist nichts haften geblieben.
Die beste CD? Sweetest Hangover, Miss Platnum.
Das schönste Konzert? Bucovina Club.
Die meiste Zeit verbracht mit...? Arbeit.
Die schönste Zeit verbracht mit...? Freunden von überall her auf dem Balkan in den Bergen.
Vorherrschendes Gefühl 2009? existentielle Verunsicherung. Und Glück. Und wieder Verunsicherung. Gegen Ende tiefere Einsicht.
2009 zum ersten Mal getan? Powerplate. Süchtig geworden.
2009 nach langer Zeit wieder getan? Bewerbungen geschrieben. Dann doch erstmal wieder ganz wohl gefühlt, wo ich bin.
3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? mich der Willkür anderer Menschen ausgeliefert zu fühlen, als es um meinen Job, mein Einkommen, mein Zuhause ging. Intrigen im Job. Mann, unentschlossen rumeiernd. Zwei davon, genau genommen.
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Hab ich vergessen. Auf mich hört eh keiner.
Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? Zeit, meinem Vater.
Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Ein Anruf nach 20 Jahren.
Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? 1. Ich verstehe dich, egal in welcher Sprache du mit mir sprichst. 2. Du kannst bei uns wohnen.
Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe? 22mal: Geh in die Buchhaltung, da liegt ein Arbeitsvertrag für dich und deine Anmeldung zur Sozialversicherung.
2009 war mit 1 Wort...? aufwühlend.
2010 wird....: ist schon viel klarer. Sich wirklich alles ändern.
Ein erfülltes, gesundes, geordnetes, zufriedenes 2010 Euch allen!

Kulturelle Inkompetenz

Liebe KollegInnen, da ich weiß, was Sie verdienen, was Fachliteratur kostet, und um dem Bildungsauftrag dieses Blogs nachzukommen, schenke ich Ihnen unter dem Ladentisch einen Link. (Zum Runterladen registrieren.) Ich bin dieses Wochenende auf einen aktuellen Purnell hineingefallen, um dessen Modell kultureller Kompetenz im Gesundheitswesen man nicht herumkommt, wenn man sich mit transkultureller Pflege befasst, und musste feststellen, er ist ein ergiebiger Quell böser Stereotypen und Fehlinformationen an unerwarteter Stelle. Über Menschen deutscher Herkunft ist zu lesen:

“Personal touch and displays of affection, such as hugging and kissing, vary. In families where the father plays a dominant role, little touching occurs between the father and children.”

“Pregnancy outside marriage results in overt or subtle disapproval. Because families are concerned about their reputations in the community, the presence of an unwed mother taints their reputation and may result in the family being ostracized by others. If marriage follows the pregnancy, less sanctioning occurs, but the fact that pregnancy existed before marriage creates a stigma for the woman, and sometimes for the child, that may last for the rest of their lives.
• Many middle-aged gays and lesbians may fear exposure because of the extreme discrimination homosexuals experienced in Nazi Germany. When encountering gays and lesbians who need support, a referral to one of the gay and lesbian religious groups may be helpful.”

Welcher Homosexuelle, der heute mittleren Alters ist, wurde im Dritten Reich diskriminiert, frage ich mich unter anderem. Wer hat da bloß wen wann im letzten Jahrtausend befragt? Ich staune auch über angebliche weibliche Beschneidung nicht in Afrika, nicht in Kurdistan, nein - in Bosnien!, die dort so gang und gäbe sei wie die männliche: "Explain that female circumcision is illegal in the United States.". Im türkischen Kapitel wird empfohlen, Einwanderer zunächst auf Wurmbefall zu testen. Italiener essen angeblich abends eine Knoblauchzehe, um Atemwegsinfektionen vorzubeugen, und tragen Knoblauch während Grippeepidemien zum Schutz um den Hals, dies sei common practice. Kopfschütteln. Gut, dass ich hier nur 2,7MB Festplatte investiert habe. Wenn Sie unbedingt Purnell lesen müssen, beschränken Sie sich auf das Wesentliche, der Rest ist Borat.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Ich denke mir das nicht aus.

Samstag war es kalt auf dem Berg. Die Terasse war leer, die Hütte voll. "Ist hier noch Platz für zwei? Einmal 100 Kilo, einmal 120?" fragte eine dröhnende Stimme aus einem Körper mit eher 120kg. Das wird schräg, dachte ich. Die Herrschaften setzten sich gegenüber, reichten Hände und stellten sich vor. M und ich steckten gleich wieder die Nase in unseren Bergtee, unterhielten uns weiter auf deutsch und signalisierten in internationaler Körpersprache Desinteresse.

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Aus den Augenwinkeln sahen wir, wie 120kg zwei Metallteller aus seinem Rucksack nahm und sie mit einem karierten Taschentuch polierte. Danach zwei Messer, zwei Gabeln. Zwei Servietten. Eine Schüssel Krautsalat mit Möhren und Mais. Ein großes Gefäß mandelgefüllte Oliven. Gewürfeltes, gebratenes Schweinefett. Eine grüne Glasflasche. Einen riesigen Rettich. An dieser Stelle stockte unsere Unterhaltung, da M ihr berufliches Interesse als Ernährungswissenschaftlerin mit transkulturellem Dings nicht mehr unterdrücken konnte. 120 polierte ein Jagdmesser und putzte seinen Rettich. Ob ich mal an der der Flasche riechen dürfe? Ich interessiere mich gerade für Öle. 120 lachte dröhnend und schickte 100 Schnapsgläser holen. Ob wir Pilze wollten? Sie hätten 10kg Pilze gesammelt, lachte 120. "Glaub ich nicht." sagte ich, wir hatten während des ganzen Aufstiegs nämlich nicht einen müden Champignon gesehen. 120 zog unter dem Tisch drei Säcke voller Reizker hervor. Ob wir sie gleich hier gebraten haben wollten? Er habe auch einen Kocher dabei.

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100 kam mit vier Gläsern zurück und schenkte uns allen kein Öl, sondern den köstlichsten Hausgebrannten ein, den ich überhaupt je getrunken habe. Er packte ein großes Stück Schafskäse auf den Tisch und dann einen Brocken Kochschinken. 120 würzte den kleingeschnittenen Rettich mit Salz, Pfeffer, Olivenöl und Essig aus seinem Rucksack. "Wenn ihr nicht mit uns esst, ist dieses Messer hier für mich", sagte er, und richtete die Messerspitze auf sein Herz. "Und das ist für euch." - er öffnete den Rucksack und zog eine Axt heraus. "Er hat einen Hang zum Drama", sagte 100 beschwichtigend. "Er ist Opernsänger. Mein Naturell ist anders, ich bin Direktor der Volksbank." "Wozu schleppt ihr hier bloß eine Axt mit hoch??!" "Für die Pilze", sagte 120. "Ich hatte mal ein Engagement bei der Düsseldorfer Staatsoper. Aber damals, 1984, war ich sehr verliebt in ein molwanisches Mädchen. Und so bin ich wieder nach Hause gefahren.Wäre ich dort geblieben, hätte ich vermutlich gemacht, was die Deutschen von mir wollten und mich angepasst. Hier bin ich ein glücklicher, freier Bohémien, das liegt mir mehr. Ich bin aber nicht nur Sänger, sondern auch Balletttänzer." Das schien abwegiger als alles bisher Gesagte.

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Am Ende dieser absurden Unterhaltung hatten wir Handynummern und Premiereneinladungen und einen Sack voller Pilze und verliefen uns schön beschnapst und bester Laune, sodass wir bergab länger unterwegs waren als am Morgen bergauf. Abends sah ich tatsächlich eine Fernsehankündigung für 120´s Premiere. Unser Wanderfreund stand wuchtig in der Mitte der Bühne und rammte einen Fahnenmast in die Erde, seine langen Haare wehten, das Ballett umtanzte ihn.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Es ist, wie es war

Das Telefon auf meinem Schreibtisch, das niemand je anwählt, die Nation ist mobil, außer intern ganz selten jemand, der nicht ranghoch genug für ein Diensthandy ist, und die Assistentin des Boss gelegentlich, klingelte heute zu einer Uhrzeit, zu der die Assistentin üblicherweise nicht mehr arbeitet.
"Nachtschwester?" - erkältete Männerstimme. "Ja?" "Hier ist H. V. aus Zagreb." Ich starrte auf das Telefon, in Gedanken noch ganz beim Projekt, extern kennt kein Mensch diese Nummer, ich weiß sie selbst nicht auswendig, steht bloß so auf meiner Visitenkarte, ein Medizinprodukt-Osteuropa-Fritze wahrscheinlich? Ein Medica-Kontakt? Welche Firma jetzt wieder? Der Name kommt mir bekannt... DER NAME!??!! "H... V.???" "Ja." Das gibt´s nicht. Ich starrte auf die Uhr, auf mein Handy, meinen Bildschirm, woher, wieso jetzt, wieso diese Nummer, hier?! "Ich hab dich gegoogelt und bin auf eurer Webseite", sagte H. "Du siehst aus wie immer."

H hatte mich vor 20 Jahren an der Wursttheke des Ladens am Fuße des Hügels angesprochen, auf dem ich gerade mit einer Kommilitonin eine Wohnung bezogen hatte, nur so aus Neugierde, weil er mich noch nie in der Straße gesehen hatte. Er hatte einen Sprachfehler und konnte seine Rs nicht rollen. Ich hatte mir das in zwei Semestern Sprachunterricht gerade mühevoll angeeignet und hielt ihn daher zunächst für einen unbegabten Deutschen. Erst später fielen mir seine weiteren motorischen Behinderungen auf, ein Formenkreis offenbar, aber ich habe nie nachgefragt. Bei näherem Kennenlernen schien die ganze Familie irgendwie überzüchtet. Nachdem geklärt war, dass wir nebeneinander wohnten, bot er an, mich im Auto mitzunehmen, der Hügel war steil. Ich war aber damals zeitlich noch nicht weit genug von meinem Elternhaus entfernt, um zu Fremden ins Auto zu steigen, auch nicht am sonnenhellen Tag für ein paar hundert Meter bergauf, und so unterhielten wir uns durchs Fenster, während er meine Tüten im Auto neben mir herfuhr. Seine Schwester L. schreibe gerade an ihrer Diplomarbeit in Germanistik, über Gottfried Benn, ob sie mich für Korrekturen anprechen könne? Konnte und tat sie, ich liebte Benn, und H. und L. und ihr Sohn und ihre Mutter und die andere, die geheime Schwester wurden mir bald Ersatzfamilie. So viel Intellekt und Witz und Wärme auf engem Raum, viele Flaschen Rotwein sommernachts auf dem großen Balkon am Hang.

H war Ingenieur und spezialisiert auf Satellitenübertragungstechnik zu einer Zeit, als sein Land keine übertragenden Satelliten hatte. Solange schrieb er für ein Taschengeld für ausländische Fachzeitschriften. Seine Schwester L. ernährte nach dem Tod des Vaters die 5köpfige Familie alleine als Journalistin, diplomierte nebenbei in Germanistik und magistrierte kurz darauf in PR, gründete eine Agentur und zog sofort nach Kriegsende exklusiv zwei weltmarktführende Schokoriegel an Land. Sie trug Ende der 80er und Anfang der 90er unbeirrt grafische Haarschnitte, 60er Jahre Minikleider in A-Linie und Plateaupumps und ich bin sicher, das tut sie noch. Sie rauchte drei Schachteln am Tag und hatte schon mit 40 eine besorgniserregende COPD. Am Wochenende nahm sie die Mutterrolle für ihren 18jährigen Sohn und die der hilfsbereiten Tochter für ihre alternde Mutter ein, schmiss den Haushalt und bekochte alle. H rührte keinen Finger und hatte immer was am Essen zu meckern. Ich warf ihm einmal aus feministischer Solidarität mit L. ein Frühstücksei an den Kopf, aber L. fand, ihr Bruder war die Aufregung gar nicht wert. Ein anderes Mal, ich war schon zurück nach Deutschland gezogen und nur zu Besuch in Zagreb, schlief ich in einem Zimmer mit H. Er schnarchte fürchterlich und so warf ich Kissen durch den Raum in seine Richtung. Er beschwerte sich morgens bei Mutter und Schwester, ich sei wahnsinnig und hätte versucht, ihn im Schlaf zu ersticken. Die verheimlichte, weil schizophrene Schwester, lag derweil in der leeren Badewanne und rauchte Kette. Ihre Krankheit war ausgebrochen, nachdem ihr Vater der künstlerisch sehr Begabten das Kunststudium verboten und sie an die Fakultät für Architektur gezwungen hatte. Die Mutter versteckte sie seit 16 Jahren in der Wohnung. L. hatte ihre Schwester einmal in Abwesenheit der Mutter zu einem Psychiater geschmuggelt, so gab es immerhin eine Diagnose, aber eine heimliche Therapie war nicht möglich. Ich fuhr ein Auto, bei dem eine Zeit lang ständig Sicherungen durchbrannten. H. maß lustlos Spannung, Widerstand, was man so misst, und fand keinen Fehler. "Was kannst du eigentlich?" fragte ich ihn. "Ich bin Elektroingenieur, kein Elektriker", sagte er. "Falls du dich jetzt nach dem Unterschied fragst: ich mache mir normalerweise die Hände nicht schmutzig.". Er brachte mich gern auf die Palme, indem er meinen Akzent nachäffte oder sich über meine Grammatikfehler totlachte. In einer Sprache mit 7 Fällen. "Lern erst mal, deinen eigenen Namen auszusprechen", fauchte ich dann, der enthält nämlich R´s, und die konnte ich besser. Zwischen all den Querelen aber war H ein kluger, guter Zuhörer und Freund. Er hatte mich sehr gern und sagte es auch. Gelegentlich fuhr er zu Bewerbungsgesprächen in Länder mit Satelliten und kaufte Geschenke für alle, auch für mich. Ich habe immer noch ein Paar Handschuhe, die er mir aus London mitgebracht hat. Später in Deutschland zog ich ständig um, H bekam den Job bei der BBC, dann wurde die Telefonnummer der Familie geändert, und ich war immer eine lausige Kontaktpflegerin, einmal hab ich´s versucht, und das kam dabei raus. In den letzten Jahren war ich zwei Mal in der Stadt, bin die alte Straße hoch gegangen und gefahren und habe mich nicht getraut, zu klingeln aus Angst, dass L. vielleicht nicht mehr lebt oder die alte Mutter mich nicht mehr kennt oder ganz fremde Menschen dort wohnen.

Mutter ist dement, sagt H. L. geht es gut, sie raucht schon lange nicht mehr. Ich muss ihr gleich sagen, dass ich dich gefunden habe! Wann kommst du her?

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Von Höhen und Tiefen

Am Wochenende mit den internationalen Ladies Who Lunch den Hausberg der Stadt bestiegen, immerhin 1000 Höhenmeter in 2 Stunden. Das institutionelle Trendsportangebot der Stadt ist nicht annehmbar, wenn man aus echten Metropolen angespült wurde, es wird noch Jahre dauern, bis Zumba oder Jukari hier ankommen, da bietet es sich an, auf zu Mutter Natur zurückzugreifen und so entsteht hier ein ganz anderes, fabelhaftes wochenendliches Fitness-Ritual.

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Oben steht eine runde Hütte, in der die einheimische Wandergemeinde zusammenkommt. In der Mitte des Raums bollert ein Blechfass-Impro-Ofen mit einem Rohr quer durch den Raum, zwei freundliche alte Männer schenken aus großen Messingkesseln selbstgesammelten Kräutertee in Plastikbechern aus und kochen gern auch türkischen Kaffee auf Wunsch, die Brotzeit muss man selbst mitbringen. Es gibt Umkleidekabinen, in welchen die Neuankömmlinge ihre verschwitzte Klamotten wechseln, Wäscheleinen voller nasser Kleidungsstücke hängen schwer über der Sonnenterasse. Die Leute tragen ihre ältesten, bequemsten Sachen, niemand hat Funktionskleidung, niemand ist schick, alle kennen sich. Das ist mit das Netteste, was ich hier bisher erlebt habe.

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Allen, die das hier kommentiert oder mir gemailt haben, danke, die unverhofft aufblitzenden sozialen Qualitäten dieses undurchschaubaren Internet-Universums sind ganz erstaunlich und schön. Ein paar tausend Kilometer und ein paar Gramm Johanniskraut weiter habe ich mich aber schon wieder gefasst, schließlich ist nichts Substantielles passiert, nichts Unvorhersehbares, nicht mal Unvorhergesehenes. Ich bin weder krank noch pleite, habe noch einen Job und bin gut genug vernetzt, bald einen besseren zu finden, habe Freunde und sogar noch Eltern. Wer braucht schon ein Zuhause. Sentimentaler Luxus. Sie bemühe sich zu lernen, in ihrem Herzen zu Hause zu sein, sagte meine deutsche Freundin E. neulich halbglücklich, die bald ins dritte Land in zwei Jahren zieht, aus Liebe mit jemandem mit, und ich prustete meinen Mokka über den Tisch über dieses Eso-Emo-Vokabular, das gar nicht zu uns passt.

Montag, 30. November 2009

Die Sache mit der Orientierung

Gewöhnungsbedürftig auch, dass in dieser Hauptstadt, die die Einheimischen Metropole nennen, weil sie es nicht besser wissen, Straßennamen Gegenstand mündlicher Überlieferung sind. Ich weiss nicht, ob die Straßenschilder mit den Jahren von kriminellen Elementen der Romabevölkerung zur Metallverwertung allesamt gestohlen wurden, so wie Kanaldeckel oder Eingangstüren öffentlicher Gebäude, sofern sie aus Aluminium bestehen, oder ob man sie beim Wiederaufbau der Stadt nach dem Großen Erdbeben einfach vergessen hat, wieder anzubringen. Das Memo „Straßenbeschilderung“ liegt möglicherweise seit Jahrzehnten vergilbt in einem Ablagekorb der Stadtverwaltung. Der Mangel an Straßenschildern fällt zusammen mit fehlender Kartographie, es gibt einfach keine Stadtpläne, und Google oder andere Maps stellen die Metropole als weißen Fleck dar. Niemand vermisst die Beschriftungen, weil man seine Stadt schließlich kennt, und wenn nicht, kann man jemanden fragen, das ist eine willkommene Gelegenheit zur sozialen Interaktion mit Fremden, die man in diesen Regionen ungern verpasst. Das gesprochene Wort ist den Menschen ohnehin näher als so ein rostiges stummes Straßenschild. Das ist übrigens auch ein Problem im Gesundheitswesen. Niemand liest Guidelines. Wenn man nicht weiter weiß, ruft man einen alten Professor an, der sich auskennen muss, und was der sagt, wird gemacht. So habe ich gegen Kaliumpermanganat in der Wundbehandlung zu kämpfen, zum Beispiel, oder Reiswasser gegen Durchfall. Und deshalb muss ich mich heute wieder von Taxifahrer zu Taxifahrer durchfragen, bis ich einen finde, der die Adresse meiner Zahnarztpraxis kennt und wieder überflüssige, zeitraubende, nette Bekanntschaften machen.

Mittwoch, 18. November 2009

Weinerlicher, unangenehm selbstreferentieller Blogpost

Am Wochenende das Pferdchen gestriegelt, gesattelt und aus dem tiefen Südosten durch lauter Babuschka-Länder nach Hamburg kutschiert, fast zwei volle Tage mit offenem Verdeck durch sonnige Landschaften, das war zu viel Zeit zum Nachdenken. Bei der nächtlichen Ankunft in Bratislava mein Hotel in einem düsteren, menschenleeren Gewerbegebiet erst nicht als solches erkannt, unbeschildert, unbeleuchtet, dem Mitbewohner gesmst, falls ich morgen von der Erdoberfläche verschwunden bin, hier die Adresse meines letzten Aufenthaltsortes, nicht in Erwartung von Interesse, eher aus klinischer Angewohnheit zu vollständiger Dokumentation. Noch vor vier Monaten fand ich mein Leben perfekt, heute ist es ein Arschloch. Natürlich kann man das so nicht sagen, schließlich bin ich nicht mehr in der Pubertät und mir allzeit der kompletten Eigenverantwortung bewusst, die ich allein und für alles trage, was mir widerfährt, auch für Unrecht, das hätte ich schließlich kommen sehen können und müssen und nicht zulassen. Und ich habe das ganze Elend offenen Auges sich nähern sehen, fatalistisch achselzuckend und entspannt den Moment genießend, solange er dauert, ich kümmere mich schon drum, wenn´s so weit ist, klar, dass die Symbiose mit dem Boss nicht ewig dauern kann und ich meine Hamburger Wohnsituation längst hätte auflösen sollen. Keine Dramen, steht schon lange von innen quer über meiner Stirn. Und nun bin ich völlig weggeschwemmt von der Emotionalität, die der eintretende Schiffbruch in mir auslöst. Gestern bestimmt zehn Sekundenheulkrämpfe, im Supermarkt vor dem Olivenölregal, während sich der Mitbewohner Kaffee nachholt, an der roten Ampel bis zur Grünphase. Keine Ahnung, wie es weitergehen soll, wie soll ich denn strategisch denken bei dem Geflenne und den Rest der Woche auf der Medica in Düsseldorf und ab Montag wieder 60 Stundenwochen, in guten Wochen, dabei möchte ich eigentlich am liebsten gar nichts tun oder denken müssen, in einer Hängematte an einem Karibikstrand in laue Sonnenuntergänge schaukeln würde mir reichen.

Dienstag, 10. November 2009

Nicht für Leser unter 16 Jahren geeignet

Drei Mitarbeiterinnen saßen gegen elf in der Küche, stippten ihre Sesamkringel in ihren Joghurt und tratschten, als etwas Großes zuerst schwer an der Regenrinne über dem Fenster aufschlug, durch die Außenwinkel ihrer Gesichtsfelder fiel, dann ein zweites Mal auf der Betonstrebe aufkam, die vor der Fassade quer verläuft, weil man sich in den 60er Jahren Erdbebensicherheit so vorgestellt hat, und ein drittes Mal drei Stockwerke tiefer hart auf den Asphalt schmetterte.

Ein Gegenstand, ein Vogel? Ein Mensch. Zertrümmert im Hof. Alle drei begannen reflexhaft, am ganzen Körper zu zittern, und hörten stundenlang nicht mehr auf. Doch wohl kein Patient von unsererer Intensivstation einen Stock drüber? Nein, er trug Straßenkleidung. Zwei gingen kotzen, die dritte rief vorher noch das Vorzimmer des Boss an, damit dessen Assistentin den Sicherheitsdienst des alten Krankenhauses alarmierte, dessen untere Stockwerke wir umgebaut haben und nutzen und aus dessen oberen Stockwerken der Mann offenbar gesprungen, gefallen oder gestoßen worden war. Als ich etwas später aus dem Fenster sah, hatte jemand ein weißes Tuch über die Leiche geworfen. Drei Stunden später war das Laken nicht mehr da. Es regnete. Regen wusch Blut aus seinem Kopf in Schlieren weit über den Asphalt. Der Sicherheitsdienst hatte die Zufahrt zum Hof mit einem Auto blockiert. Sonst war niemand zu sehen. Gegen vier sah ich noch mal nach, bevor es dunkel wurde, der Leichnam lag noch da.

Kollektives Entsetzen und tiefes Mitleid erfasste in kurzer Zeit die ganze Belegschaft, kein anderes Thema mehr den ganzen Tag. Kopfkinofilme wurden ungehemmt gedreht und abgespult, Tränen flossen, was für eine Tragödie für die Familie des unbekannten Toten im Hof, seine Kinder in der Schule, das Stigma, seine armen, alten, gebrechlichen Eltern. Daneben stand ich innerlich achselzuckend; wenn man Jahre in Großkliniken mit zweistelliger Geschosszahl zugebracht hat, weiß man, es springt immer mal einer vom Dach. Hier weiß man das sicher auch. Was haben die sich dabei gedacht, ihre Neuropsychiatrie im achten Stock einzurichten?

Viel mehr erschütterte mich die unbegreiflichen Gleichgültigkeit und Nichtzuständigkeit der Institutionen hinterher, der Krankenhausführung, der Polizei, der Gerichtsmedizin, die den zerbrochenen Körper einen halben Tag unbedeckt, ungeachtet liegen ließen. Ähnliches habe ich hier schon mal beschrieben. Und ich kann immer nicht zusammenbringen, wie die überbordende Emotionalität und Freundlichkeit und Güte der Einzelnen in der Summe ein so menschenverachtendes Kollektiv ergibt.

Sonntag, 25. Oktober 2009

In Großmutters guter Stube

Liisa und Kaltmamsell verlinken auf sie, für mich ist es mein Soundtrack seit Wochen, in guten wie in schlechten Tagen. Verblüfft sehe ich, von allen denkbaren Orten ist er ausgerechnet unter dem gehäkelten Lampenschirm der rumänischen Oma entstanden:



Fast schon ein alter Hut, trotzdem verweise ich Freunde des Genres außerdem hierauf.

Tagesdosis

so ein erfülltes,...
so ein erfülltes, gesundes und zufriedenes 2010...
rosmarin - 6. Jan, 12:38
Rückblick, machen...
Zugenommen oder abgenommen? Minus 5 kg. Indem ich begonnen...
nachtschwester - 4. Jan, 16:05
Good luck liebe Nachtschwester!
Good luck liebe Nachtschwester!
Breathless - 4. Jan, 15:17
Kulturelle Inkompetenz
Liebe KollegInnen, da ich weiß, was Sie verdienen,...
nachtschwester - 4. Jan, 03:33
Gott hat eben keine Ahnung.
Gott hat eben keine Ahnung.
nachtschwester - 27. Dez, 21:23
Das gefällt mir:...
Das gefällt mir: auswärts essen. Und dass...
croco (Gast) - 27. Dez, 21:11
Tsssstsss, und da heißt...
Tsssstsss, und da heißt es immer geographisch...
creezy (Gast) - 27. Dez, 15:32
Sehr schöner Artikel
Ja so was passiert wirklich und prima wenn jemand das...
Turtle (Gast) - 27. Dez, 11:45

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